Familien – Ein Lebensraum für die Frage „Wa glaubsch enart?“

Wenn wir das Thema 'Weitergabe des Glaubens' im Raum unserer kirchlichen Landschaft vor Ort mit dem Thema Familien oder im Weiteren mit der Familienarbeit zusammenbringen, so kann sich ein weites Themenspektrum ergeben. Schon das Thema „Familie in heutiger Zeit“ wäre ein ergiebiges Thema mit eigener Faszination und auch Problematik.
In unserem Rahmen legen wir das Augenmerk jedoch auf die Familien als einem „organischen Lebensraum des Glaubens“. In der Familie, einem Ursprungsort unseres Zusammenlebens, geht es darum, nicht über den Glauben zu belehren, sondern vielmehr ihn zu leben. Leben und Glauben verbinden sich in Lebenshaltungen – Orientierungen, die das Leben tragen und ihm Halt geben. Von den Haltungen, die wir in uns tragen und die wir im Leben umzusetzen versuchen, werden andere, d.h. beispielsweise unsere Kinder lautlos geprägt. Es geht um Einstellungen, wie wir Dinge unserer Überzeugung entsprechend bewerten und die demnach in bestimmten Situationen unsere Reaktionen mitbestimmen.
Sind unsere eigenen Haltungen, d.h. Einstellungen, die uns Halt zu geben vermögen, am Evangelium orientiert - d.h. an jenem, die Menschen aufrichtenden, befreiend und heilend herumgehenden Jesus von Nazareth -, wird hier und da auch etwas von jener frohen Nachricht für unsere Umgebung spürbar. Sich in dieser Weise auch im Familienleben, gerade als Eltern zu orientieren, kann – wenn dies entspannt vor sich geht – eines der grössten Zeugnisse des Glaubens sein.
Gerne beleuchte ich im folgenden eine kleine Auswahl solcher Orientierungen, wenn dies auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat:

Vom Glauben, der Vertrauen bedeutet

Wenn wir vom Wort „Glauben“ im neutestamentlichen Sinne ausgehen, heisst dies nicht zunächst an einen Lehrbuchstaben zu glauben, sondern vor allem 'auf das Vertrauen zu setzen'. Pistis (gr. πίστις) ist das griechische Wort im Neuen Testament und heisst Vertrauen. Auf dem Boden des Evangeliums zu sein bedeutet auch, das Ur- und Grundvertrauen in das Leben bei uns und den Menschen um uns herum zu fördern. Dazu gilt es immer wieder das richige Gespür und Verhalten zu finden.
Jesus zeigt diese Grundhaltung des Vertrauens im Evangelium hier und da an den lebendigen Kindern um ihn herum auf. Wer ein Kind hat, ist reich. Kinder aufmerksam betrachtet, zeigen uns grundsätzliche, existentiell-menschliche Themen, die uns alle angehen: Das Liebenswürdige, das Haltbedürftige, das Unperfekte, das Grenzenlose und Begrenzte des Menschen, wachsende Stärke und freundliche Schwachheit, Zeit und Zeitlosigkeit.
Hier ist nun nicht der Raum, diese den Menschen in seiner Existenz betreffenden Themen weiter auszufalten; jedoch lassen wir's zu, einige praktische Orientierungen davon abzuleiten.

Kinder brauchen Zeit – Menschen brauchen mehr Zeit

Der Umgang mit der Zeit wirkt sich aus auf unser Leben, auch auf unsere Familien. Oft ist es so: Kinder bummeln und Eltern drängeln. Zeitdruck entsteht und lässt harmlose Kleinigkeiten zu enormen Auseinandersetzungen werden. Alles dauert auf einmal viel länger, als wenn der nervöse Blick auf die Uhr vermieden worden wäre. Andererseits ist's wichtig, dass auch Eltern eine gewisse Zeit für sich selbst und in ihrer Partnerschaft nicht vergessen. Die Zeit, in der wir uns unserem Kind widmen, sei es entsprechend den verschiedenen Familiensituationen kürzer oder länger, sind wir möglichst auch ganz bei ihm und „nicht in Gedanken an vielen anderen Orten“.

Perfekt ist keiner – Stärke wächst in liebenswürdiger Schwachheit

Im Umgang mit Zeit und Leistung müssen sich Erwachsene in unserer Gesellschaft äusserlich möglichst nahezu perfekt zeigen. Im Umgang mit der Entwicklung von Kindern und im ehrlichen Zusammenleben von Erwachsenen kann der Vollkommenheitswahn sehr belastend wirken. Aus dem Evangelium und aus der Betrachtung unserers Lebens wird ersichtlich, dass ein Mensch in seinem Selbstbewusstsein dann gestärkt wird, wenn er auch erfahren darf, mit seinen schwächeren Seiten angenommen zu sein: Mut zur Unvollkommenheit! Kinder (und andere Menschen!) dürfen weinen und auch mal Wutausbrüche haben. Stille und äussere Gefasstheit zu erzwingen kann auch bedeuten, die innerste Energie eines jungen Menschen sehr früh abzuklemmen. Probleme verlagern sich auf diesem Weg oft nur nach innen und führen zu Schädigung einer Persönlichkeit.

Ein Leben miteinander und mit Grenzen

Einen Lebensraum zu erfahren, in dem ein Kind (und auch ein erwachsener Mensch) dasein darf, wie er ist - mit ruhigem und lebhaftem Verhalten, mit schwächeren und stärkeren Seiten -, ist nicht zu verwechseln mit grenzenlosem Verhalten ohne Rücksicht auf andere. Es gehört zum familiären Zusammenleben, dass auch ein soziales Wertegefühl und die Achtung vor den Grenzen anderer entwickelt werden, d.h. Kinder müssen auch erfahren, dass es Unterschiede gibt zwischen Kindern und Erwachsenen oder unter den Geschwistern: Alle sind gleich wertvoll - und es gibt Unterschiede im Alter und unter den einzelnen Familienmitgliedern – das wird von allen anerkannt bzw. zu anerkennen gelernt.

Gib' mir die richtigen Worte

Ein Lied beginnt mit den Worten „Gib' mir die richtigen Worte, gib' mir den richtigen Ton“. Miteinander so zu leben, dass das Evangelium fast wie von selbst hier und da spürbar wird, bedeutet auch „hin und wieder in dieser Art miteinander zu reden“. Jesus begegnete den Menschen mitten in ihrem Alltag, dort, in den Situationen, wo sie sich gerade befanden – die Frau am Brunnen, der Mensch am Strassenrand, der Vater und seine sterbende Tochter ..., Situationen, wie das Leben sie schreibt. In seiner Gegenwart wurden sich die Menschen ihrer eigenen Lebenssituation bewusster, sie entdeckten ihren 'guten Kern' und ihre ehrlichen Bedürfnisse, durch seine Fragen kamen sie zum gründlicheren Nachdenken und zu klaren Handlungen. Indem sie durch ihn in ihrem Selbststand gestärkt waren, blieben sie mit ihm verbunden. Um den Selbststand unserer Kinder oder unseres Gegenübers in der Familie in dieser Weise zu stärken, braucht es in unserem Kommunizieren, d.h. im Reden und im Zuhören weniger das Beurteilen, sondern vielmehr das klarere Ausdrücken von Gefühlen und Bedürfnissen. Eine Hilfe kann es dabei sein, „Du-Botschaften“ zu vermeiden. Ein Du-Satz, bei dem wir uns vorstellen, was im anderen vorgeht, trifft nicht immer den 'Kern der Sache', oft enthalten Du-Sätze - auch gut-gemeinte - Bewertungen und Beurteilungen, die Verletzung und Zurückhaltung bewirken. Lieber lassen wir unsere Empfindungen einfliessen, auch die negativen, und formulieren einen Ich-Satz, ein Beispiel dazu könnte sein: „Du bist so chaotisch! Räum' endlich den Fussboden auf, du weisst, dass du mich damit ärgerst.“ Anders könnte das auch lauten: „Mich stören die vielen Sachen auf dem Fussboden, das macht mich nervös, wir erwarten noch Besuch.“

Lebe, was du vom Evangelium verstanden hast

Roger Schutz, der verstorbene Prior der Brüder von Taizé, hat jungen Menschen einmal zugerufen: "Lebe, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es." Davon hängt mehr ab, als uns oft bewusst ist. Versuchen wir es - jeden Tag einen kleinen Schritt. Sich ein Herz fassen und vertrauen, etwas Zeit aufbringen, Geduld haben, sich von der Lockerheit der Kinder ruhig auch mal anstecken lassen und Unperfektes mit Humor betrachten - immer wieder neu.